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Geboren wurde
Johann Wilhelm Wilms in dem zu Ende des 18. Jahrhunderts kaum 1.000
Einwohner zählenden Dorf Witzhelden im Bergischen Land, ca. 25 km nordöstlich
von Köln.
Ersten Musikunterricht erhielt der junge Wilms von seinem Vater, dem Lehrer
und Organisten des Dorfes, und seinem älteren Bruder Peter Johann.
Kenntnisse in theoretischen Fächern vermittelte ihm der Dorfpfarrer, dem er
als Jugendlicher nach Lüttringhausen (heute Teil der Stadt Remscheid)
folgte, um sich als Musiklehrer niederzulassen. Bereits kurze Zeit später
siedelte er nach Elberfeld über, nun auf den Spuren seines älteren Bruders
Peter Johann, der im Sommer 1789 zum Lehrer der dortigen lutherischen
Pfarrschule berufen worden war. Doch auch hier war seines Bleibens nicht
lange; der in Elberfeld herrschende asketische und kunstabgeneigte
calvinistische Geist der Fabrikanten und Kaufleute erlaubte allenfalls
Musizieren in privaten Zirkeln, ein öffentliches Musikleben existierte
nicht. Im Sommer 1791 wandte Wilms sich nach Amsterdam, das im Laufe des 18.
Jahrhunderts zu einem der bevorzugten Ziele durchreisender Virtuosen und zu
einer Zentrale des europäischen Musikdruckes und Musikalienhandels geworden
war. Offenbar mit Empfehlungsschreiben versehen schloss Wilms alsbald
Bekanntschaft mit den führenden Persönlichkeiten des Amsterdamer
Musiklebens; bereits in der Saison 1791/92 wurde er von mehreren Orchestern
als zweiter Flötist engagiert, vermutlich auch im Orchester der seiner Zeit
wichtigsten Institution des Amsterdamer kulturellen Lebens, der Maatschappij
(Gesellschaft) Felix Meritis,
die 20 Konzerte je Saison veranstaltete. Ebenso als Klaviervirtuose und –pädagoge
vermochte er schnell sich einen Namen zu machen. Zwecks eigener
Weiterbildung gewann er den aus Sachsen gebürtigen Violinisten, Pianisten
und Komponisten Johann Casper Hodermann (1740-1802) als Theorielehrer. Um
1793 erschien seine erste (heute offenbar verlorene) Klaviersonate im Druck.
Im Jahr 1796 gehörte Wilms zu den sechs Gründungsmitgliedern der
Vereinigung Eruditio Musica, der
ersten hauptsächlich von Berufsmusikern getragenen Konzertgesellschaft in
Amsterdam, in deren Veranstaltungen Wilms als Pianist und zunehmend auch als
Komponist in Erscheinung trat. Seine Kompositionen begannen über die
Grenzen Amsterdams hinaus bekannt zu werden; im Jahr 1798 wurde erstmals ein
Werk von ihm in der in Leipzig erscheinenden Allgemeinen
Musikalischen Zeitung rezensiert.
Die Widmungen der in den folgenden Jahren veröffentlichten Werke belegen,
dass Wilms Zugang zu den das Amsterdamer kulturelle Leben tragenden vermögenden
Familien hatte. Im Dezember 1805 ehelichte er Nicoletta Theodora Versteegh,
die Tochter eines begüterten Kunstsammlers. Er galt nun neben Carolus
Antonius Fodor (1768-1846), dem Dirigenten der Konzerte sowohl von Felix Meritis (ab 1801) als auch der Eruditio Musica (seit 1802), als bedeutendster Pianist und Komponist
Amsterdams; seine Werke wurden zunehmend auch in den deutschsprachigen Ländern
gespielt. 1808 wurde er in das gerade gegründete Koniklijk
Instituut van Wetenschappen, Letterkunde en schoone Kunsten gewählt. Ähnlich
wie gleichzeitig Beethoven in Wien erreichte er in dem den Befreiungskriegen
gegen Napoléon folgenden patriotischen Überschwang einen fragwürdigen Höhepunkt
seiner Laufbahn als Komponist durch die preisgekrönte Komposition zweier
Nationallieder, deren eines (Wien Neêrlandsch
bloed) im Verlauf des 19. Jahrhunderts zur inoffiziellen Hymne der
Niederlande wurde. Dieser Erfolg brachte Wilms weitere Aufträge für
kirchliche Werke, Almanach-Beilagen und Festkompositionen zu offiziellen Anlässen
ein. Im Jahr 1820 erhielt er für seine Sinfonie d-Moll op. 58 den ersten
Preis in einem von der Akademie der Künste in Gent ausgerichteten
Kompositionswettbewerb. Trotz seines derart angewachsenen Renommés
als Komponist gelang es ihm jedoch nie, Orchestertätigkeit und
Klavierunterricht zu Gunsten eines Lebens als freier Komponist aufzugeben.
Einige Zeit, bezeugt ist es für die Jahre 1814 und 1815, war er auch als
Amsterdamer Korrespondent der Allgemeinen
Musikalischen Zeitung tätig.
Seinen eigenen Worten zu Folge waren seine Werke „nur Früchte der Stunden
[...], welche ihm nach seinen vielfältigen und ermüdenden Tagesgeschäften
übrig blieben.“
Und dem im Herbst 1823 in Amsterdam gastierenden Kollegen Johann Nepomuk
Hummel gegenüber äußerte er: „Ich bin nur ein armer musikalischer Tagelöhner.“
Auch Schicksalsschläge verdunkelten sein Leben: Nachdem seine Frau
Nicoletta Theodora im Sommer 1821 ein totes Kind zur Welt gebracht hatte,
verstarb sie wenige Wochen später, gerade 35jährig; im Jahr darauf musste
Wilms eine zweieinhalb Jahre alte Tochter und seinen Freund und
Schwiegervater Dirk Versteegh zu Grabe tragen. Diese Erfahrungen mögen dazu
beigetragen haben, dass Wilms sich schrittweise aus der musikalischen Öffentlichkeit
zurückzog und seine berufliche Existenz mit der Übernahme der
Organistenstelle bei der Mennonitischen Gemeinde Het
Lam zum 01. August 1823 auf eine andere Basis stellte. In der ersten
Jahreshälfte 1823 hatte er zum letzten Mal dem Felix
Meritis-Orchester als Pianist und zweiter Flötist zur Verfügung
gestanden, und die Eruditio musica löste
sich auf Grund interner Schwierigkeiten nach Ablauf der Spielzeit 1823/24
auf. Auch als Komponist zog sich Wilms allmählich zurück; die 1823 in
Leipzig veröffentlichte Sinfonie op. 58 war sein letztes großes
Orchesterwerk, das im Druck erschien. Er konzentrierte sich in der Folgezeit
auf die Komposition von zumeist nicht publizierten Gelegenheitswerken, etwa
für die Jahresversammlungen der philanthropischen Maatschappij
tot Nut van’t Algemeen (Gesellschaft zum Nutzen der Allgemeinheit), für
die er zwischen 1824 und 1838 alljährlich eine Kantate für Soli, Chor und
Orchester schrieb. Im Druck erschienen nach 1823 nur mehr einzelne
Klaviervariationen, Lieder und – insbesondere zur Zeit der Belgischen
Revolution 1830 – patriotische Gesänge. Zunehmend verschwanden seine
Werke auch von den Konzertprogrammen; in Leipzig, wo seine Sinfonien im
ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts so reges Interesse geweckt hatten,
erklang nach 1820 kein Werk von Wilms mehr, und selbst in Amsterdam, wo die
Aufführungszahlen seiner Werke in den 1820er Jahren noch die Beethovenscher
Kompositionen übertroffen hatten,
erlosch allmählich das Interesse an seiner Musik, zumal 1830 sein
Zeitgenosse Carel Anton Fodor das Dirigentenamt bei Felix
Meritis abgegeben hatte, und dessen Nachfolger Johannes Bernhardus van
Bree wenig Interesse an Kompositionen der älteren Generation zeigte. Den
letzten Bruch mit dem offiziellen Amsterdamer Musikleben vollzog Wilms
selbst im Jahr 1841, als er seine Mitarbeit in der Maatschappij
tot Bevordering der Tonkunst (Gesellschaft zur Beförderung der
Tonkunst) aufkündigte, deren Mitglied er seit ihrer Gründung 1829 gewesen war, und für
die er ebenso akribisch wie selbstkritisch Gutachten schrieb.
Seit ca. 1845 von zunehmender Erblindung geplagt ließ er sich auch im
Organistenamt immer häufiger durch einen seiner Schüler vertreten; ein
Jahr später wurde er von der Kirchengemeinde offiziell pensioniert. Am 19.
Juli 1847 starb er im Alter von 75 Jahren.
Bert Hagels
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